DIE GESCHICHTE DER MARISTENBRÜDER IN DEUTSCHLAND

Der Beginn, 1872

Bereits vor der ersten Gründung einer Niederlassung in Deutschland gab es deutsche Maristenbrüder. Vor dem politischen Hintergrund des sogenannten „Kulturkampfes“, ein Konflikt zwischen Preußen bzw. dem Deutschen Reich und der katholischen Kirche, verschärfte sich die Gesetzeslage gegen religiöse Orden enorm, da die preußische Regierung unter Bismarck den Einfluss der katholischen Kirche schwächen wollte. Es wurde den Maristen keine Erlaubnis von der Regierung gegeben, eine neue Kongregation zu eröffnen.

Die ersten deutschen Brüder, die den Maristen beigetreten sind, wurden daher in Beaucamps, in Frankreich, im Jahr 1872 verzeichnet. Später, im Jahre 1888, wurde im deutschsprachigen Teil von Belgien, in Arlon, ein Noviziat und Juvenat für Kandidaten aus Belgien, Luxemburg und Deutschland gegründet, unter anderem vom deutschen Bruder Eulad Hemmer. Diese Gründung kann als Sprungbrett für die Maristenbrüder in Deutschland betrachtet werden. 1904 wurde Arlon in eine deutschsprachige Einrichtung (das heißt, die Lehrsprache war Deutsch, die Alltagssprache Französisch) ausschließlich für deutsche Kandidaten umgewandelt.

Zwischen 1888 und 1914 wurden insgesamt 456 deutsche Mitglieder verzeichnet. Davon wirkten 140 Brüder als Missionare weltweit. 18 Brüder gingen nach Samoa, wo sie eine Schule aufbauten. Dessen guter Ruf war ausschlaggebend für die Gründung der ersten deutschen Niederlassung in Recklinghausen im Jahr 1914. Unter anderem das Drängen des Leiters des Reichskolonialamtes, Dr. Solf, und die Unterstützung des Reichstagsabgeordneten Aloys Fürst von Löwenstein überzeugten die Preußische Regierung, den Maristenbrüdern die Erlaubnis zur Gründung einer Ausbildungsstätte für Missionslehrer für die Kolonien zu erteilen.

Der Erste Weltkrieg, 1914

Nur wenige Monate später, nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde das Haus als Kriegslazarett verwendet, welches bis 1919 mehrere tausend Kriegsteilnehmer betreute. Die Quellenlage gestaltet sich aufgrund des Kriegsbeginns schwierig, aber man geht davon aus, dass etwa 120 Brüder und Novizen als Soldaten eingezogen wurden. Davon sind 45 Brüder und 3 Postulanten gefallen.

Erste Kommunität mit deutschen Brüdern und Juvenisten 1914 in Recklinghausen nach der Heimkehr aus Arlon, Belgien, mit Maristen auf Heimaturlaub im Kriegsjahr Dezember 1915

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges sorgte auch dafür, dass alle deutschen Brüder, Novizen und Juvenisten Arlon verlassen mussten. Sie kamen in verschiedenen Teilen Deutschlands unter, unter anderem bei den Barmherzigen Brüdern in Dortmund, in Marienhausen bei Bingen oder bei den Benediktinern in St. Ottilien und Augsburg. Dies waren jedoch nur temporäre Lösungen, während nach einem neuen Ort für eine Kommunitätsgründung in Süddeutschland gesucht wurde.

Schließlich fanden die Brüder Aufnahme in Furth bei Landshut. Die Baronin, Freifrau von Hornstein, bot dem Orden eine leerstehende Villa und später auch die Brauerei und einen Teil der landwirtschaftlichen Liegenschaften zur Nutzung an, in welcher im Januar 1915 eine weitere Kommunität, gefolgt von einem Noviziat und Juvenat, eröffnet wurde. Furth wurde im Laufe der Zeit zum neuen Mutterhaus der deutschen Maristenbrüder. Nach dem Krieg kehrten nach und nach die überlebenden Brüder, die weiterhin im Orden bleiben wollten, aus dem Krieg nach Furth und Recklinghausen zurück. Zunächst die Soldaten von der Front, später die Kriegsgefangenen. Nach 1919 erfolgte in dem zum Distrikt erhobenen Zweig der Maristenbrüder in Deutschland ein rascher Aufschwung. Bald wurden neue Niederlassungen in Deutschland gegründet, darunter in Cham, 1923 und in Mindelheim, 1926, und die Arbeit in Internaten, Schulen und Waisenhäusern aufgenommen.

Die Brauerei, die Landwirtschaft und die Herstellung von Arquebuse und Biphosphat dienten als materielle Grundlage des Ordens in Deutschland.

Der Orden während des NS-Regimes, 1933

Nach 1933 wurde die existenzielle Bedrohung durch das NS-Regime immer härter, bis schließlich ab 1. April 1937 die Schließung aller kirchlichen Schulen und Internate und anderer sozialer Einrichtungen angeordnet wurde. Betroffen waren die Internate und Schulen in Cham, Traunstein, Bad Reichenhall, Deggendorf, Kempten und Mindelheim. Remagen und Recklinghausen folgten zwei Jahre später. Damit wurde auch jede Möglichkeit eines Apostolates in Deutschland verhindert.

Die 150 Brüder, die plötzlich arbeitslos wurden, mussten sich neue Einsatzorte in Ungarn, Polen, den Niederlanden, der Schweiz und in Vaduz, im Fürstentum Liechtenstein, oder auf Mission außerhalb Europas suchen. Vor allem wurde in Uruguay ein neues Missionsfeld für die deutschen Brüder eröffnet. Gründungen in Österreich und Ungarn fielen nach kurzer Zeit der politischen Entwicklung zum Opfer.

Ab 1935 wurden die ersten jungen Brüder zum Arbeitsdienst eingezogen. Das Juvenat und Noviziat leerten sich. Ab 1937 erfolgten dann die ersten Musterungs- und Gestellungsbefehle. Niederlassungen der Brüder wurden beschlagnahmt und staatlichen Händen übergeben, um für die Hitlerjugend oder andere regimenahe Gruppen bzw. für den Krieg umfunktioniert zu werden. Das Mutterhaus in Furth wurde von der Gestapo zudem auf regimefeindliche Dokumente hin durchsucht.

Im Krieg wurden insgesamt ca. 130 Brüder eingezogen, von denen 52 fielen. Ein Bruder wurde im KZ in Dachau ermordet. Nach dem Krieg kehrte eine große Anzahl von Brüdern nicht mehr in den Orden zurück. Von den 235 Brüdern im Jahr 1938 waren 1945 noch 87 Maristenbrüder in Deutschland übriggeblieben. 34 deutsche Brüder waren zudem in Uruguay tätig.

Die Entwicklung nach dem Ende des 2. Weltkrieges, 1945

Nach 1945 musste ein Neubeginn gewagt werden. Nur die Häuser in Vaduz und in St. Gingolph am Genfer See hatten den 2. Weltkrieg als Einrichtungen überstanden. Bald wurde die Arbeit in Cham, Mindelheim, Furth und Recklinghausen wieder aufgenommen. 1946 konnten das Noviziat und das Juvenat wieder geöffnet werden und Deutschland wurde eine selbstständige Ordensprovinz.

Stationen des langsamen Aufschwungs waren unter anderem die Errichtung eines Studienhauses in München 1951, der Neubau der Klosterkirche und des Brüderhauses in Furth im Jahr 1954, der Neubau der Schule in Recklinghausen ebenfalls 1954 und vor allem die Errichtung der neuen Maristenkollegs in Mindelheim ab 1961. Auch Cham erhielt 1966 ein neues Schulgebäude und schließlich wurde in Furth 1995 das neue Maristen-Gymnasium eingeweiht.

Zudem wurde die Arbeit im Ausland vertieft. Die Verbindung mit Missionsländern wurde wieder intensiviert, mit einer regelmäßigen Entsendung von Brüdern. Auch wurden in den 80er-Jahren neue Missionsstationen am Viktoriasee in Kenia von den deutschen Maristen gegründet, welche teilweise bis heute von Brüdern aus verschiedenen afrikanischen Ländern betrieben werden.

Die Neustrukturierung der 2000er

Die kirchliche und gesellschaftliche Entwicklung in der Zeit nach 1968 brachte es mit sich, dass die Berufe ausblieben und die Zahl der Brüder sich immer mehr verringerte. 1991 verließen die Brüder auch Liechtenstein, dass von ihnen 1937 gegründete Collegium Marianum ging an das Fürstentum Liechtenstein über. Finanzielle Gründe führten letztendlich dazu, dass in den 2010er Jahren die Schulen an den vier verbliebenen deutschen Standorten vollständig an die Schulwerken der entsprechenden Diözesen zu überführt wurden. 

Übersicht der 28 Gründungen in Deutschland zwischen 1914 – 2019. Manche bestanden nur kurze Zeit bis 1937 und später (in Dänemark, Ungarn, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, und Italien. Manche wurden auf Anordnung der Nazis geschlossen
Übersicht der 28 Gründungen in Deutschland zwischen 1914 – 2019. Manche bestanden nur kurze Zeit bis 1937 und später (in Dänemark, Ungarn, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, und Italien. Manche wurden auf Anordnung der Nazis geschlossen

 

Die weltweite Neustrukturierung des Instituts der Maristenbrüder nach dem Jahr 2000 führte dazu, dass die deutsche Provinz in die neue Provinz Europa-Zentral-West eingegliedert wurde. Die lange Geschichte der deutschen Provinz hat sich den Trends der Globalisierung angeschlossen, die sowohl die Kirche als auch das Institut umfasst, und sich in ihrer jüngsten Phase zu einer neuen, international strukturierten Familie entwickelt. Die Provinz Europa-Zentral-West wurde am 14. Oktober 2023 als Distrikt in die bestehende Provinz L’Hermitage überführt.

Nicht unerwähnt bleiben darf bei diesem knappen Überblick über die Geschichte der Maristenbrüder in Deutschland der bedeutende Beitrag der deutschen Brüder für die Missionen in aller Welt, besonders in Samoa, Südafrika, China, Brasilien und im ehemals deutschen Distrikt Uruguay. Die Gründung in Kenia 1984, wo es bisher keine Maristen gab, war der spezifische Beitrag für den Einsatz der deutschen Provinz in einem echten Missionsgebiet. So waren deutsche Brüder seit mehr als 100 Jahren ein prägender Faktor in der Geschichte des Instituts der Maristenbrüder.

Die Maristenbrüder heute

Heute erstreckt sich das maristische Leben auf die vier Niederlassungen in RecklinghausenCham, Furth bei Landshut, und Mindelheim, in denen sich die Maristengemeinschaft auf ganz unterschiedliche und vielfältige Weise entwickelt hat. Folgen Sie der Karte um mehr zu den einzelnen Standorten und deren maristischer Arbeit erfahren.

Für eine detailliertere Recherche der Geschichte der Maristenbrüder können die Bücher

  • A.Metzger, Chronik der Deutschen Ordensprovinz der Maristen-Schulbrüder FMS, Erster Teil – Von der Ordensgründung bis zum Wiederaufbau im Jahr 1946, Furth 1975 (Archiv der Dt. Ordensprovinz, Furth i.W.)
  • 100 Jahre Maristen-Schulbrüder Deutschland 1914-2014, Furth 201

auf denen dieser Eintrag basiert, in unserem Archiv auf Anfrage gesichtet werden.

Auch wenn die Anzahl der deutschen Maristenbrüder zurückgeht, ist der Weg, Maristenbruder zu werden, hier in Deutschland und weltweit nach wie vor attraktiv und relevant. In einer Gesellschaft, die immer mehr individualisiert, in der das Individuum über die Gemeinschaft zelebriert wird und Macht sowie andere fragwürdige Werte scheinbar den Lauf der Welt bestimmen, kann das Lebenskonzept eines Bruders einen alternativen Lebensentwurf darstellen.

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